Johann August Richter (um 1695 – nach 1743)
Entwurf abgeschilderter Kleider-Trachten aus dem Amt Wurzen – Kühren; wohl Kühren 1724 (Kopie)
Papier, Feder, koloriert
H 165 mm x B 280 mm
Inv.nr.: V1125K
Welche Kleidung ist derzeit wo in Mode? Heute können wir uns täglich darüber ein Bild machen, womit Modedesigner mit ihren neuen Kollektionen in New York, Paris, Mailand oder Tokyo Modetrends setzen wollen. In unserer globalisierten, digitalisierten Welt können bereits wenige Klicks Auskunft darüber geben, welche Kleidung wo auf der Welt aktuell gern getragen wird.
Die zugrundeliegende Frage darüber beschäftigt Menschen aber schon weitaus länger, als es das Internet gibt. Der fein ausgearbeitete „Entwurf derer in Ihren Figuren und Farben abgeschilderten gewöhnl(lichen) Kleider-Trachten in der Gegend des Königl(ich) Pohlni(schen) Churfürstl(ichen) Sächs(ischen) Ambts Wurtzen, wie sich selbige aus dem Dorfe Kühren insgemein praesentieren“ ist ein Versuch, sie zu beantworten.
Jeweils paarweise vorgeführt werden in vier Einzeldarstellungen die Trachten also die typische Bekleidung eines Standes, einer Bevölkerungsgruppe- von Bauern und Bäuerinnen des Amtes Wurzen, hier aus dem Dorf Kühren. Dargestellt ist oben links die feine Sonntagskleidung und darunter die Trauerkleidung, die während der Trauerzeit und zu Beerdigungsprozessionen getragen wurde. Auf dem oberen rechten Bild ist die Hochzeitskleidung eines „Jüngling“ und einer „Jungfrau“ abgebildet – also von noch unverheirateten Menschen. Rechts unten ist die Alltagskleidung dieser „Singles“ zu sehen. Alle Abbildungen sind beschriftet und die spezifischen Kleidungsbestandteile am linken und rechten Rand aufgezählt. Allein bei den weiblichen Figuren hat der Zeichner auch Darstellungen im Profil festgehalten.
Generell ähneln sich die verschiedenen Trachten, ermöglichen durch die feinen Unterschiede aber zugleich „das Lesen“ der Trachten und ihrer anlassbezogenen Bedeutung. Die Kopfbedeckungen und Schuhe des verheirateten Bauers und der Bäuerin sehen fast genauso aus wie die Alltagskleidung der unverheirateten Jünglinge und Jungfrauen. Das Gleiche gilt für die modische Schnittform der Kleidung. Bei der Kleidung unverheirateter Personen scheinen lediglich etwas hellere Farben, wie Blau oder Silbergrau in Mode zu sein. Bei Ehepaaren dominieren dagegen Braun und Schwarz als Grundfarben. Obwohl die Unterschiede gering sind, ist doch erkennbar, welchen Familienstand eine Person hatte ‒ihre Kleidung schrieb es ihnen buchstäblich auf den Leib. Das zeigt einerseits die Bedeutung, die die Menschen diesem Merkmal um 1720 beimessen. Da Kleidung teuer war, ist es jedoch sinnvoll, dass es dennoch Ähnlichkeiten gibt, da man so trotz Hochzeit Kleidungsteile weiterverwenden konnte.
Dieses Muster setzt sich bei der Hochzeitskleidung fort. Dem festlichen Anlass gebührend tragen Bräutigam und Braut jeweils einen Kranz auf dem Kopf. Das Brautkleid hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Festtagstracht der Bäuerin, auch hier ist als Kleiderfarbe schwarz dominant, über welches eine weiße Schürze getragen wurde. Im Gegensatz zur alltäglichen Tracht der Jungfrau sind die Unterarme und Hände der Braut bedeckt und auch im hinteren Bereich ist der Rock aufwändiger verarbeitet.
Besonders auffällig ist auch die Trauerkleidung im unteren Bild links: Während der Bauer ganz in Schwarz erscheint und zum Zeichen der Trauer an seinem Hut eine hüftlange Trauerbinde trägt, ist Weiß die dominante Trauerfarbe der Bäuerin. Sie knüpft an ihren Rock eine schmale schwarze Trauerbinde. Zudem sind Hut und Haube deutlich erkennbar von der Alltags- oder Sonntagskleidung zu unterscheiden.
Grundsätzlich sind im Gegensatz zu unserem Alltag damals Kleidervorschriften in Kleiderordnungen vorgeschrieben. Diese Reglementierungen dienen in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit dazu, soziale Hierarchien zu sichern und Konsum zu kontrollieren. Die geltende Ständegesellschaft ist demzufolge sehr genau an der Kleidung zu unterscheiden. Interessant ist die Betrachtung der Trachten im Besonderen, weil so auch regionale Besonderheiten öffentlich bekannt gemacht werden konnten. Ein Beispiel dazu findet sich auch in der sogenannten „Schöttgenchronik“. Nach Schöttgen ist es veranlasst, dass nach dem Tod eines Ratsherrn die anderen Ratsmitglieder für vier Wochen lange, schwarze Mäntel als Zeichen der Trauer tragen (Historie der Chur-Sächsischen Stiffts-Stadt Wurtzen, 1717, S.532).
Die Zeichnung des wohl aus Oschatz stammenden Kartografen und Zeichners Johann August Richter gibt jedoch nur einen exemplarischen Einblick in das dörfliche Trachtenwesen. Er zeichnet sie auf der Durchreise, als er den „Land- und Grenzkommissar“ Adam Friedrich Zürner (1679-1742) bei dessen Vermessung des Königreichs Sachsen begleitet. Der Kartograf, Vermesser und Pfarrer Zürner verfolgt dabei den Auftrag des sächsischen Kurfürsten August des Starken (r. 1694-1733, 1697-1706 u. 1709-1733 König von Polen und Großfürst von Litauen), eine „Neue Chursächsische Post-Charte“ zu erstellen, auf deren Grundlage 1721 das Kursäschsische Postsäulensystem eingerichtet wird. Die Amtsstadt Wurzen wird in diesem Zusammenhang ebenfalls Poststation, was erklärt, in welchem Zusammenhang Richter nach Kühren kam.
Sowohl die Zeichnungen Richters als auch die Vermessungen Zürners sind insgesamt auch ein Spiegel des damaligen Zeitgeistes: Die Aufklärung bringt einen Forschungs- und Erfassungsdrang mit sich. Richters Zeichnungen belegen, dass es dabei nicht nur um viel beachtete Naturwissenschaften wie Geografie ging. Auch sozial- und kulturwissenschaftliche Themen wie das Studium von Trachten wurde vorangetrieben. Dieser Forschungsbereich ist heute Gegenstand der Kulturwissenschaften und Ethnologie.
Quellen:
Original: ISGV Dresden. Inv.nr.: 3276, Entwurf abgeschilderter Kleider-Trachten aus dem Amt Wurzen – Kühren wohl Kühren 1724
Johann Christian Schöttgen, Historie der Chur-Sächsischen Stiffts-Stadt Wurtzen, 1717.

