Brigadetagebuch der Krippe der Wurzener Teppichfabrik, Nr. 1
Wurzen 1966–1973
B 21cm x H 29,5 cm
168 Seiten
Inv.-Nr.: VI794S.1
Ein Buch vom Alltag und vom Zusammenhalt
Auf den ersten Blick wirkt es unscheinbar: ein dickes, in Halbleinen gebundenes Notizbuch mit abgestoßenen Ecken und sichtlichen Gebrauchsspuren, leicht vergilbtes Papier, handschriftliche Einträge, dazwischen Fotografien und kleine Zeichnungen. Auf dem Etikett steht: „Erinnerung / WTF-Krippe“. Die "Brigaden" umfassen in der DDR der mehrere Werktätige, die im Betrieb eng miteinander zusammen arbeiten. Dieses Brigadetagebuch erzählt deren vielschichtige Geschichte – vom Arbeitsalltag in der betrieblichen Kinderkrippe der Wurzener Teppichfabrik und von den Menschen, die hier über Jahre hinweg zusammenarbeiteten.
Angelegt wird dieses Buch 1966 – im Gründungsjahr der Krippe – und bis 1973 fortgeführt. Es gehört zu einer Serie von insgesamt fünf Brigadetagebüchern, die bis 1995 reicht. Die Bücher dokumentieren über Jahrzehnte hinweg den Alltag der Erzieherinnen und Mitarbeiterinnen ebenso wie besondere Ereignisse. Zugleich zeigen sie, wie wichtig es in der damaligen Arbeitskultur war, die eigene Tätigkeit festzuhalten – für den Betrieb, das Kollektiv und das eigene Selbstverständnis.
Das erste Brigadetagebuch beginnt mit der Strophe des Arbeiterliedes „Wann wir schreiten Seit an Seit“, das in der DDR weit verbreitet war und für Gemeinschaft und Solidarität stand. Es folgt ein großformatiges Foto von Erzieherinnen mit einer Reihe von Krippenkindern beim Spielen, aufgenommen zur Eröffnung der Einrichtung im Dezember 1966.
Die Krippe als Teil des Betriebs und wichtige soziale Einrichtung der DDR
Die Kinderkrippe wird 1966 unter der Leitung von G. Clauß eröffnet. Zunächst werden hier 25 Kinder betreut. Errichtet wird sie mit Mitteln des VEB Wurzener Teppichfabrik und auf deren Betriebsgelände. Von Beginn an ist sie damit eng mit dem Betrieb verbunden und bleibt bis zu Auflösung der Firma im Jahr 1995 Teil seiner sozialen Infrastruktur. Bereits 1968 wird sie erweitert und die Zahl der betreuten Kinder auf 50 erhöht. Somit wurden Frauen als Arbeitskräfte nicht allein in der Teppichfabrik selbst dringend gebraucht, sondern erbrachten einen wichtigen Beitrag zum Betrieb als soziale Einrichtung.
Für viele Familien bedeutet ein Krippenplatz eine wichtige Unterstützung im Alltag, besonders wenn beide Eltern berufstätig sind oder im Schichtsystem arbeiten. In der DDR existieren neben Tageskrippen auch sogenannte Wochenkrippen, in denen Kinder über mehrere Tage hinweg – teilweise von Montag bis Freitag – betreut werden. Die WTF-Krippe ist von Anfang an auch Wochenkrippe. In welchem Zeitraum und Umfang diese Form der Betreuung in der Wurzener Einrichtung praktiziert wird, lässt sich aus den Brigadetagebüchern nur teilweise erschließen. 1966 gibt es in der DDR insgesamt 744 Wochenkrippen, davon 462 kommunale und 282 betriebliche Einrichtungen mit einer Gesamtkapazität von 39.124 Plätzen. Seit 1952 unterstehen sie alle dem Ministerium für Gesundheitswesen und damit wie fast alle DDR-Betriebe dem Staat.
Das Tagebuch zeigt, wie eng berufliche Tätigkeit und soziale Verantwortung in diesem Zusammenhang verstanden werden. Es berichtet von Fortbildungen, Renovierungen und vom Austausch mit anderen Einrichtungen und macht zugleich deutlich, dass die Arbeit mit kleinen Kindern als verantwortungsvolle Aufgabe wahrgenommen wird.
Alltag im Kollektiv
Im Mittelpunkt der Einträge steht das Kollektiv der Erzieherinnen. Beschrieben werden Teamarbeit, gemeinsame Entscheidungen und der Stolz auf das Erreichte. Der Alltag umfasst Spiele mit den Kindern, Ausflüge und Feiern ebenso wie organisatorische Herausforderungen.
Mehrfach wird festgehalten, dass die Brigade erfolgreich am Wettbewerb um den "Ehrentitel" Kollektiv der sozialistischen Arbeit teilnimmt und wie einzelne Mitarbeiterinnen ausgezeichnet werden. Solche Ehrungen sind in der Arbeitskultur der DDR verbreitet und sollten Engagement und gemeinschaftliches Handeln würdigen und anregen. Die Fotografien von Festen, Gruppenaufnahmen und gestalteten Seiten verleihen dem Tagebuch eine persönliche Note und lassen die Menschen hinter den Einträgen sichtbar werden.
Brigadetagebücher als historische Quelle
Brigaden prägen den Alltag von Millionen von DDR-Bürgerinnen und Bürgern. In ihnen sollen die Menschen nach dem Verständnis der SED "sozialistisch arbeiten, lernen und leben". Besonders das Gemeinschaftserlebnis prägt jedoch die Menschen. Brigadetagebücher zeugen davon: Sie dienen dazu, Arbeitsergebnisse zu dokumentieren, Erfahrungen festzuhalten, den Zusammenhalt im Kollektiv zu stärken und das Selbstverständnis der Brigade auszudrücken. Gleichzeitig entstehen viele Einträge im Bewusstsein, dass diese Bücher auch von Vorgesetzten oder bei Wettbewerben gelesen werden.
Gerade im Bereich der frühen Kinderbetreuung sind solche Quellen selten. Sie geben Einblick in den Arbeitsalltag von Krippen und Erzieherinnen, der sonst nur wenig überliefert ist. Sie belegen, dass das Verhältnis von Erziehung und Gesellschaft in der DDR eine besondere Ausprägung erfahren hat.
Heute erlauben die Brigadetagebücher der WTF-Krippe zudem einen besonderen Blick auf ein Arbeitsverständnis, das sich seitdem stark verändert hat. In der DDR-Zeit gab es den Anspruch, die eigentliche produktive Arbeit zusammen mit der Fürsorge- bzw. „Care-Arbeit“ gemeinschaftlich in einem Betrieb zu gestalten und persönliches Engagement für den Betrieb als Ganzes anzuregen.
Als Objekt aus dem Sammlungsbestand steht es stellvertretend für viele ähnliche, oft übersehene Zeugnisse. Es erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern auch aus dem Alltag und dem Engagement der Menschen.
Wir danken den ehemaligen Mitarbeiterinnen der Krippe, die uns erst kürzlich ihre Brigadetagebücher geschenkt haben.
weiterführende Literatur:
U. Steinhaußen, Wie schreiben wir unser Brigadetagebuch, Berlin 1964.
H. Liebsch, Wochenkinder in der DDR. Gesellschaftliche Hintergründe und individuelle Lebensverläufe, Gießen 2023.
B. Meine, Wenn das Urvertrauen fehlt, in LVZ vom 1.7.2023.
M. Müller-Rieger, Es kann doch nicht alles falsch gewesen sein – oder?, in: "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht ..." Zur Geschichte des Kindergartens in der DDR, Ausstellungskatalog des Deutschen Hygiene-Museums Dresden, hrsg. von M. Müller-Rieger, Dresden 1997, S. 10-17.
E. Schmidt-Kolmer, Das Kind in der Kinderkrippe. Ergebnisse sozialhygienischer Untersuchungen, Berlin 1967.
Ute Stary, Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR, Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Deutschland Archiv, online 2018: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/262920/wochenkrippen-und-kinderwochenheime-in-der-ddr/.
C. Wiethoff, Allein unter vielen. Alltag, Ausbau und Krise der Kinderkrippen in der DDR 1950–1968, Berlin/Boston 2025.
M. P. Wilkens, Die Entwicklung des DDR-Krippenwesens in den 1970er Jahren. Sozialpolitik, Pädagogik und Praxis, Hamburg 20
