Zwei Fotografien des Wurzener Polymobils: erste Schritte vom Pferdegespann zum Auto
Wurzen ca. 1954
Papier, einseitig bedruckt
Maße: n.n.
Inv.Nr.: II2501, II2503
Wer heute die historischen Fotografien betrachtet, blickt in eine Zeit des technischen Aufbruchs. Um 1900 veränderte das Automobil die Welt grundlegend. Pferdewagen bestimmten auch in Wurzen noch immer das Straßenbild, doch in Werkstätten und Fabrikhallen entstand bereits eine neue Form der Mobilität. Eine dieser frühen Geschichten führt nach Leipzig und Wurzen – und trägt den Namen „Polymobil“.
Die Marke Polymobil ist eng mit den Polyphon-Werken in Leipzig-Wahren verbunden. Das Unternehmen war ursprünglich für seine Musikautomaten, Orchestrions und später auch Grammophone bekannt. Die Polyphon-Werke gehörten zu den innovativen Industriebetrieben ihrer Zeit und wagten sich um 1903/1904 auf ein völlig neues Feld: den Bau motorisierter Fahrzeuge. Damit folgten sie einem Trend der frühen Industrialisierung. Viele Maschinenbauer und Hersteller feinmechanischer Geräte erkannten das Potenzial des jungen Automobils und nutzten ihr technisches Wissen, um sich an der Entwicklung dieser Zukunftstechnologie zu beteiligen.
Die ersten Fahrzeuge entstanden nicht in großen Fabrikstraßen, wie wir sie heute kennen. Vielmehr handelte es sich um eine Mischung aus Handwerkskunst, Maschinenbau und Montagearbeit. Die Polyphon-Werke profitierten dabei von den hervorragenden industriellen Strukturen Leipzigs. Die Stadt gehörte um 1900 zu den bedeutendsten Wirtschafts- und Maschinenbaustandorten Deutschlands. Große Fabriken, metallverarbeitende Betriebe und spezialisierte Werkstätten bildeten ein enges Netzwerk, das die Herstellung technischer Neuerungen erleichterte.
Die unter dem Namen Polymobil bekannten Fahrzeuge waren Lizenzbauten nach dem Muster des berühmten amerikanischen Oldsmobile „Curved Dash“. Diese leichten Automobile waren einfach konstruiert, aber für ihre Zeit bemerkenswert ausgeklügelt. Typisch waren Einzylindermotoren, Holzspeichenräder, Blattfedern und offene Aufbauten, die noch stark an Kutschen erinnerten. Viele Fahrzeuge besaßen zwei Sitzplätze, einige Ausführungen boten Platz für mehrere Personen. Ketten- oder Riemenantriebe übertrugen die Kraft des Motors auf die Räder. Geschwindigkeit, Komfort und Zuverlässigkeit konnten mit späteren Automobilen natürlich nicht konkurrieren – doch für die Menschen jener Zeit bedeuteten sie ein kleines technisches Wunder.
Zur Herstellungszeit existierten noch keine befestigten Fernstraßen, Tankstellen waren unbekannt und Autofahrer mussten oft zugleich Mechaniker sein. Wer ein solches Fahrzeug besaß, gehörte zu den Pionieren der Motorisierung. Jede Fahrt war ein Abenteuer, jede technische Verbesserung ein Schritt in Richtung Zukunft.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Stadt Wurzen. Hier ist die Geschichte des Polymobils außergewöhnlich gut dokumentiert. Über viele Jahre gehörte ein fahrbereites Polymobil aus dem Jahr 1907 zum Altbestand der Sammlungen und zu den bedeutendsten Ausstellungsstücken des Kulturhistorischen Museums Wurzen. Es galt lange als das erste Automobil der Stadt und wurde zu einem Symbol der regionalen Technikgeschichte. Für Besucher bot sich damit in der Dauerausstellung des Museums die seltene Gelegenheit, ein nahezu vollständiges Fahrzeug aus der Frühzeit des deutschen Automobilbaus aus nächster Nähe zu erleben.
Das Polymobil war ein „Weihnachtsgeschenk“ von Richard Funke, pensionierter Verwaltungsdirektor, wohnhaft in Wurzen in der Parkstraße 10 (heute Geschwister-Scholl-Straße 51), der das Fahrzeug am 1. Dezember 1936 dem Museum mit sämtlichem Zubehör zusammen mit einer vergrößerten Fotografie des Polymobils mit dem Besitzer und seiner Familie aus dem Jahr 1907 und dem Führerschein des Besitzers mit dessen Foto aus dem Jahr 1910 schenkte. Der damalige Museumsleiter Dr. Heinz Mattick schenkte dem Museum am 15. Januar 1937 noch ein Foto des Polymobils mit der Aufschrift: „letzte Fahrt von Bennewitz nach Wurzen“.
Solche Fahrzeuge sind heute außerordentlich selten. Die meisten frühen Automobile verschwanden bereits nach wenigen Jahrzehnten von den Straßen. Sie wurden verschrottet, umgebaut oder gingen in den Wirren des 20. Jahrhunderts verloren. Umso wertvoller sind erhaltene Exemplare und die zugehörigen Dokumente, Fotografien und Einzelteile. Sie erlauben einen Blick in die Frühzeit des Automobils, in der es noch nicht die breite gesellschaftliche Akzeptanz erlebte, wie einige Jahrzehnte später.
Doch die Geschichte des Wurzener Polymobils setzte sich fort. Viele Jahre war das Polymobil noch fahrbar, das zeigen historische Fotos der Jahre um 1954. 1961 zum Beispiel kam der Oldtimer im historischen Festumzug zur 1000-Jahrfeier zum Einsatz. Ausgestellt war er gewöhnlich in der ehemaligen Werkstatt des Museums (heute sog. „Feilenhauerwerkstatt“). Im Jahr 2018 schließlich wurde das mittlerweile restaurierungswürdige Polymobil infolge eines Stadtratsbeschlusses gegen drei Ringelnatz-Gemälde (Beschaulichkeit, Fische, Urtiere), die illustrierte Grafikmappe Jan Maate sowie eine Ringelnatz-Büchersammlung des Wurzener Privatsammlers Matthias Hühn und dessen Oldtimersammlung „Zündmagnet“ getauscht. Das Polymobil ist seitdem im privaten Museum des Sammlers in der Dresdener Straße zu besichtigen.
Die erhaltenen Fotografien und Dokumente ergänzen die Geschichte des Fahrzeugs. Sie bewahren die Erinnerung an ein außergewöhnliches Fahrzeug und an ein Kapitel regionaler Industrie- und Museumsgeschichte, das weit über Wurzen hinausreicht.
Die hier gezeigten Aufnahmen erzählen deshalb mehr als nur die Geschichte eines alten Autos. Sie erinnern an die Anfänge der Mobilität, von den technischen Visionen einer aufstrebenden Industrie und von Menschen, die den Mut hatten, Neuland zu betreten. Bis heute besitzt der Oldtimer einen hohen Stellenwert in der Erinnerungskultur unserer Stadt.
Quellen und Literatur
Einwohnerbuch der Stadt Wurzen und der zu dem Amtsgerichtsbezirk Wurzen gehörenden Landgemeinden, Wurzen 1935, S. 53.
Siegfried Haustein: Industriestandort Wahren – zur Geschichte seiner Fabriken. Die erste Fabrik – die Polyphon-Musikwerke, in: Bürgerverein Möckern-Wahren e.V. (Hrsg.): VIADUKT. Die Bürgerzeitung für Möckern und Wahren. Nr. 63 (Feb. 2003), S. 6.
Leipziger Industriekultur (Hauptquelle): https://www.leipziger-industriekultur.de/dux/?utm_source=chatgpt.com (eingesehen am 26.5.26)
Sylke Mathiebe, Verkaufsverträge sind unterschriftsreif, in: Wurzener Land Nachrichten vom 9. Juni 2018 zum Verkauf des Fahrzeugs: https://wurzener-land-nachrichten.de/?p=308
Archiv KHM Wurzen, Eingänge für das Städtische Heimatmuseum zu Wurzen, vom März 1934 bis April 1947, S. 38f.
Archiv KHM Wurzen, Heimatmuseum. Inventarliste 1956, S. 88.
Dieter Claus, Geschichte des Automobils – zu Besuch im Museum Zündmagnet Wurzen, in: VDI-Bericht vom 2.7.2024: https://www.vdi.de/news/detail/die-geschichte-des-automobils-zu-besuch-im-zuendmagnet-wurzen?utm_source=chatgpt.com

