Friedrich Wilhelm Bollinger (Kupferstecher, 1777–1825) / Gebrüder Schumann (Verleger)
Porträt von Magnus Gottfried Lichtwer
Zwickau zw. 1818‒1832
Kupferstich in Punktstichtechnik auf Papier
H 18,4 x B 12,4 cm (Plattenmaß)
Inv.-Nr.: V655K
Der Kupferstich zeigt das Brustbild Magnus Gottfried Lichtwers (Wurzen 30.1.1719 – Halberstadt 7.7.1783) im Viertelprofil mit Perücke, die im Nacken mit einer Schleife zusammengebunden und über den Ohren in Locken gelegt ist. Er trägt einen dunklen Gehrock mit Knöpfen. Darunter lässt sich eine Brokatweste mit Jabot ‒ einem dekorativen Halsschmuck ‒ erahnen. Die Ecken der Abbildung sind abgeschrägt.
Unter dem Porträt sind drei Namen in unterschiedlicher Größe zu lesen: „Bollinger“ für den preußischstämmigen Kupferstecher Friedrich Wilhelm Bollinger (1777‒1825) und „LICHTWER.“ für die abgebildete Person in Versalien (Großbuchstaben). Im unteren Bildrand findet sich ein Verweis auf die Gebrüder Schumann, die den Kupferstich zwischen 1818 und 1832 über ihren Zwickauer Verlag abdruckten ‒ über 40 Jahre nach Lichtwers Tod. Es ist gerade diese Nennung der verschiedenen Hersteller, die unser Objekt des Monats so besonders macht. Denn so erzählt das verhältnismäßig kleine Objekt zwei Geschichten: Es erinnert an Lichtwer und gibt Einblicke in seine Rezeption nach seinem Tod.
Die Geschichte von Magnus Gottfried Lichtwer beginnt in Wurzen, wo er 1719 in der Zeit der Aufklärung als Sohn des gleichnamigen Direktors der Wurzener Lateinschule († 1721) und seiner Gemahlin Dorothea Magdalena, geb. Wichmannshausen († 1737), eine Quedlinburger Hofratstochter, geboren wird. Die Familie lebt damals in der bis heute erhaltenen Kustodie (Domplatz 4), da Lichtwers Vater 1704 seinen Dienst in Wurzen als Kustos des Wurzener Domstifts beginnt. Interessant ist, dass bereits sein Vater Porträts berühmter Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts sammelt, die später in den Besitz des Sohnes gelangen. Lichtwer studiert ab 1737 in Leipzig und Wittenberg Jura, Geschichte und Philosophie und arbeitet später in Halberstadt vor allem in der Verwaltung und als Richter. Bekannt ist er sowohl heute als auch zu seinen Lebzeiten als ein bedeutender Fabeldichter. Fabeln verfasst er bereits in jungen Jahren. Seine während des Studiums 1748 veröffentlichten „Vier Bücher Aesopischer Fabeln“ werden bereits zu seinen Lebzeiten mehrfach verlegt. Und auch Goethe erwähnt das Dreigestirn Gellert, Lichtwer und Lessing in seinem autobiographischen Werk „Dichtung und Wahrheit.“
Lichtwer leidet an mehreren Krankheiten: In Wittenberg zieht er sich durch einen Unfall ein schweres Augenleiden zu, dass ihn nahezu erblinden lässt und 1749 muss er wegen eines Blutsturzes seinen Lehrberuf an der Universität Wittenberg aufgeben. Daraufhin wendet er sich nach Halberstadt, wo er eine Kanonikatsstelle am Bonifatius- und Moritz-Stift ankauft. Dieses Amt ist an kirchliche Pfründe (Präbende) gebunden, d.h. er konnte über die Einnahmen aus ihm zugestandenen Ländereien und Gütern selbst verfügen und sich so finanzieren. Seine juristische Karriere endet jedoch nicht: Denn er erhält in Halberstadt zunächst ein juristisches Referendariat, dass er ohne Gehalt bei der Landesregierung des Fürstbistums Halberstadt absolviert. Später steigt er dort im königlich-preußischen Dienst bis zum „Wirklichen Königl. Regierungsrat im Fürstentum zu Halberstadt“ auf. 1760 übernimmt er als Konsistorialrat eine kirchliche Richterstelle und tritt 1763 das Amt eines Kriminalrichters an. Lichtwer sitzt u. a. im Kriminalsenat des Gerichts, hat mit Erbschaften, mit Grenzstreitigkeiten und mit Stiftungsangelegenheiten zu tun. Zudem kümmert er sich um die Ausbildung der juristischen Referendare. In Halberstadt ansässig geworden, heiratet er die Tochter seiner Wittenberger Wirtsfrau und wird Vater von drei Töchtern.
Seine Freizeit verbringt Lichtwer mehr mit wirtschaftlichen als literarischen Dingen. Er zeichnet und sammelt Porträts. Auch widmet er sich intensiv der Erziehung und Bildung seiner Töchter ‒ in der damaligen Zeit eine Seltenheit. Eine formale Ausbildung von Frauen ist im18. Jahrhundert noch kein allgemein verbreitetes Phänomen, sondern wird lediglich in den pädagogischen Schriften der Aufklärung intensiv debattiert. Von seiner väterlichen Hingabe zeugen noch heute einige als Autograph erhaltene Briefe ab 1773, die er an seine älteste Tochter schreibt. Im Sinne des humanistischen Bildungsideals der Zeit unterrichtet Lichtwer seine Töchter in Geschichte und Sprachen ‒ u.a. in Französisch, der Sprache, in der auch der Briefwechsel stattfand.
Lichtwers Fabeln erfreuen sich infolge Christoph Gottscheds Fürsprache 1751 großer Beliebtheit und erleben 1758 ihre zweite Auflage. Der Erfolg ebnet ihm auch den Weg in zwei literarische Gesellschaften, die wichtige Netzwerkmöglichkeiten bieten. Fabeln sind kurze Erzählungen mit belehrender Absicht (Moral), in denen meist Tiere – manchmal auch Mischwesen – stellvertretend für Menschen handeln. Während Fabeln heute häufig zwischenmenschliche Verhaltensweisen thematisieren, geht es zu Lichtwers Zeiten um die große Politik. In der Epoche des Absolutismus bietet die Fabel eine Möglichkeit, Herrscher, hohe Geistliche sowie als veraltet angesehene Gesellschafts- und Moralvorstellungen zu kritisieren – ohne sich direkt angreifbar zu machen. Denn offene Kritik an Adel oder Kirche steht oft unter Strafe.
In Halberstadt formiert sich im 18. Jahrhundert zudem ein bedeutender Kreis an Schriftstellern um den Dichter, Sammler und Kunstförderer Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803). Gleim gilt nicht nur als wichtiger Fabeldichter, sondern er sammelt auch in seinem „Freundschaftstempel“ Porträts der „großen Geister“ des 18. Jahrhunderts: Lessing, Klopstock, Herder, Jean Paul, Anna Louisa Karsch und viele mehr finden sich in seiner Sammlung. Lichtwer hält sich von diesem Kreis fern, was seine Bedeutung jedoch nicht schmälert. Neben seiner Mitgliedschaft in verschiedenen bürgerlichen Gesellschaften und den Übersetzungen seiner Dichtungen zu Lebzeiten ins Französische und Lateinische ist seine Bedeutung auch an Friedrich Nicolais Bitte an Gleim erkennbar, ihm für seine „Allgemeine deutsche Bibliothek“ ein Abbild von Lichtwer zukommen zu lassen. Hinter dem Namen steht eine Zeitschrift, in der vierteljährlich akademische und literarische Neuerscheinungen gesammelt und rezensiert werden. Diesen Wunsch kann Gleim jedoch nicht erfüllen und schreibt: „Wegen Herrn Lichtwers seinem habe ich mir alle mögliche Mühe gegeben, aber umsonst, doch werd’ ich noch einen Versuch machen. Es fehlt an den Orten, wo sich unsere guten Köpfe aufhalten, an guten Malern; und verschiedene sind eigensinnig und wollen sich nicht malen lassen." (zit. nach Museum Digital Sachsen-Anhalt, Porträt von Lichtwer). Erst 1770 gelingt es ihm, ein Lichtwer-Porträt zu erwerben.
Gleims Gemälde von Lichtwer ist wohl die Vorlage für einen Kupferstich, der anschließend durch die Gebrüder Schumann vervielfältigt wird. Einer dieser Kopien ist unser Objekt des Monats. Die Entstehung und der Druck machen das Objekt besonders: Das posthume Bildnis Lichtwers wurde von dem Kupferstecher und Professor der Königlich Preußischen Akademie der Künste Friedrich Wilhelm Bollinger gestochen, der u. a. auch für seine Kupferstichbildnisse sächsischer Könige und Martin Luthers bekannt ist. Bollinger lebt in Berlin, was damals zum Königreich Preußen gehört. Gedruckt und vervielfältigt wird der Kupferstich aber von den Gebrüdern Schumann, welche im Königreich Sachsen, genauer in Zwickau, einen Verlag haben.
Sie publizieren das Porträt in der Serie „Bildnisse der berühmtesten Menschen aller Völker und Zeiten“. Diese Bildenzyklopädie soll einerseits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Allgemeinbildung fördern, da nur wenige Zugang zu den Originalbildern haben. Zugleich geht es auch darum, einen Kanon „berühmter“ Persönlichkeiten zu bilden und mit einem Gesicht zu versehen. Das geschah als Teil der aufkommenden Nationalbewegung im noch politisch zersplitterten Deutschland. Hierbei folgt man der Idee, dass ein „Volk“ sich durch eine einheitliche Kultur definiert, die zugleich auf einer gemeinsamen Sprache fußt: Eine Idee, die bis heute in Debatten um das Thema „Leitkultur“ und Migration fortbesteht. Je nach Sprache werden die Personen einer Nation zugeordnet: Franzosen, Engländer, Deutsche. Praktisch ist das schon damals eine Illusion, da Schwaben, Sachsen, Hannoveraner, Bayern usw. sehr unterschiedliche Dialekte haben, die bis heute fortbestehen. Die Dialekte sind aber noch bis ins 20. Jahrhundert so verbreitet, dass eine direkte Kommunikation zwischen Sachsen, Bayern, usw. nicht selbstverständlich möglich war. Wenn man dann noch bedenkt, dass Lichtwers Fabeln schon 1763 ins Französische übersetzt werden, entsteht ein noch komplexeres Bild der Kultur der Aufklärung: Gelehrte wie Lichtwer sind nicht nur in transnationale Netzwerke des deutschsprachigen Raumes eingebunden, sondern wirken auch im geistigen Werdegang der europäischen Geschichte mit. Genauso beeinflussten z. B. französische und englische Gelehrte die deutsche Geschichte. Kulturelle Grenzen verschwimmen also schon, bevor unsere heutigen Nationalstaaten entstehen. Unser Objekt des Monats zeigt daher, wie aus Geschichtserzählungen vermeintlich homogene Nationen und „Völker“ abgeleitet werden können, obwohl damals keines davon existierte.
Literatur
Gleimhaus, Lichtwer, https://www.gleimhaus.de/, o.J., zuletzt abgerufen: 08.01.2026
H.-W. Jäger, "Lichtwer, Magnus Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 469 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118779893.html#ndbcontent
M. G. Lichtwer. „…ihr müßt der kleine Töffel bleiben“. Achtzehn Fabeln mit Radierungen von Reiner Zieger und einer biographischen Studie von Hans-Jürgen Moltrecht, hrsg. vom Kulturbund der DDR, Red. Manfred Müller, Leipzig 1982.
Museum Digital Sachsen-Anhalt, Porträt von Magnus Gottfried Lichtwer, https://st.museum-digital.de/object/839?navlang=de, Stand: 09.02.2025, zuletzt abgerufen: 08.01.2026.
Schriften. Herausgegeben von seinem Enkel Ernst Ludwig Magnus von Pott : Mit einer Vorrede und Biographie Lichtwer's von Friedrich Cramer, Halberstadt 1828.
