Eine Wolke, ein Licht, ein weiter Atemraum – Landschaft als Seelenraum
Hans-Peter Hund (Wurzen 26.10.1940–26.2.2023)
Weite Landschaft mit dunkler Wolke
Wurzen 1984
Aquarell
H 230 mm x B 313 mm
Sign. o.r.: Hund 84
Ankauf 2020
Inv.-Nr. V3020K
Das Aquarell zeigt eine weite, fast leere Landschaft unter einem großen, atmosphärisch verschwimmenden Himmel in warmen Beige- und Ockertönen. Wie bei den niederländischen Landschaftsmalern des 17. Jahrhunderts – etwa eines Jacob von Ruisdael – nimmt der wolkenbedeckte Himmel den größten Teil des Bildes ein. Da die Horizontlinie ganz niedrig angesetzt wird, ist von der Landschaft nur noch ein schmaler Streifen zu sehen. Interesse erregt eine dunkle, wolkenartige Verdichtung, von der sich ein kleiner heller Lichtpunkt – vielleicht Mond oder Sonne – abhebt und dem Bild eine stille Spannung verleiht. Der schmale, dunkle Landstreifen mit zarten Silhouetten von Gebäuden oder Masten betont die Weite und die melancholische Ruhe der Szene.
Hans-Peter Hund in der Muldenaue, 1982, Foto Manfred Müller © Bildarchiv KHM Wurzen Die Arbeit gehört in die Serie der zu seinem Markenzeichen gewordenen sogenannten Himmelsaquarelle, die Hans-Peter Hund 1979 beginnt. Diese entstehen meist an einem bestimmten Standort in der flachen Ebene der Wurzener Muldenaue und haben stets denselben Bildaufbau – tiefliegender Horizont, weiter Himmel. So entfalten sich vor dem Auge des Betrachters durch den Vergleich der schier zahllosen Momentaufnahmen eine Fülle an Naturzuständen und Wetterlagen: Wolken, Nebel, Regen, Gewitter, Auflichtung, Wolkenfetzen, Sonnenhimmel, Abendhimmel.
Hans-Peter Hund, Grauer Himmel über beleuchtetem Feld, Wurzen 1993, KHM Wurzen, Inv.nr. V3022K
Auf diese Weise entstehen stille, aber hochbeeindruckende Zeugnisse des immerwährenden Wandels und der Veränderung der Natur, der Welt sowie tagebuchähnliche Seelenbilder des Künstlers. Wie in vielen seiner Werke geht es Hund nicht um klare Erkennbarkeit, es dominiert das Ausloten von erwanderten, durchlebten Stimmungen und Gefühlen mittels einer koloristisch verfeinerten und subtilen Bildsprache. Abgesehen von seiner subjektiven Interpretation sind darin auch genaue metereologische Beobachtungen wiedergegeben.
Hans-Peter Hund, Weiter gelber Sonnenhimmel, Wurzen 1979, KHM Wurzen, Inv.nr. V3023K
Das Aquarell knüpft deutlich an die lange Tradition der autonomen Wolken- und Himmelsdarstellungen an, in denen der Himmel nicht nur Hintergrund, sondern eigentlicher Bildträger ist. Vor dem Hintergrund der Wissenschaftsbegeisterung zur Zeit der Aufklärung entdeckt die Kunst um 1800 den Himmel als eigenständiges Motiv. John Constable hält die präzise Naturbeobachtung für unverzichtbar, beobachtet empirisch und idealisiert die Landschaft nicht mehr. In seiner Lecture I von 1833 postuliert er, dass die Landschaftskunst „scientific as well als poetic“ ist. Später radikalisiert William Turner die Auflösung von Form zugunsten von Licht und Stimmung. In dieser Linie steht auch das Aquarell: Der Horizont ist schmal, der Himmel dominiert, das Motiv wird zur atmosphärischen Verdichtung.
In der Klassischen Moderne lassen sich vor allem Parallelen zu Emil Nolde oder Karl Schmidt-Rottluff ziehen, die Himmel als expressive Farbfelder behandeln. Auch bei Lyonel Feininger finden sich reduzierte Küsten- und Horizontlandschaften, in denen Atmosphäre wichtiger ist als Detail. Allerdings bleibt das hier gezeigte Blatt stiller und meditativer als viele expressionistische Arbeiten: Die Farbigkeit ist gedämpft, die Formensprache zurückgenommen, die Dramatik eher innerlich als eruptiv.
Direkte Vorbilder im engeren Sinn lassen sich schwer festlegen; eher scheint das Werk eine synthetische Position einzunehmen – zwischen romantischer Naturerfahrung, expressionistischer Verdichtung und einer fast minimalistischen Reduktion. Besonders die Konzentration auf eine dunkle Wolkenmasse als zentrales Ereignis erinnert an die moderne Tendenz, Naturphänomene als Stimmungsräume zu begreifen, nicht als topografisch exakt definierte Landschaften. Insofern verortet sich das Aquarell weniger als Zitat einer bestimmten Schule, sondern als bewusste Fortschreibung der Himmels- und Wolkentradition in einer reduzierten, kontemplativen Form.
Literatur:
W. Busch, Constables Himmel – Objektivität und Subjektivität in Eins?, in: Wind und Wetter: die Ikonologie der Atmosphäre, hrsg. von A. Nova/T. Michalsky, (Studi e ricerche / Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut 5) Venedig 2009, S. 231-246, 361.
Hans-Peter Hund. Aquarelle aus 5 Jahrzehnten, mit einer Einleitung von Rainer Behrends, Wurzen o.J.
C. Kunde, Der Wurzener Maler und Grafiker Hans-Peter Hund, in: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz e.V. 1 (2025), S. 46-52.
Wolkenbilder. Die Entdeckung des Himmels, Ausstellungskatalog (Hamburg, Bucerius Kunst Forum und Jenisch-Haus, Außenstelle des Altonaer Museums, Norddeutsches Landesmuseum, 2004), hrsg. von B. Hedinger/I. Richter-Musso/O. Westheider, München 2004.
Abbildungen:
Hans-Peter Hund in der Muldenaue, 1982, Foto Manfred Müller © Bildarchiv KHM Wurzen
Weiter gelber Sonnenhimmel, Wurzen 1979, KHM Wurzen, Inv.-Nr. V3023K © Bildarchiv KHM Wurzen
Grauer Himmel über beleuchtetem Feld, Wurzen 1993, KHM Wurzen, Inv.-Nr. V3022K © Bildarchiv KHM Wurzen

