„Die Wurzener Marterwoche im April 1637“: Deutungen einer Tragödie
Adolph Göhde (1831–1895)
Die Wurzener Marterwoche im April 1637
erschienen in: Lubojatzky, Franz Anton, Das goldne Buch vom Vaterlande oder Sachsen sonst und jetzt: nebst Entstehung und Schicksale seiner Städte und Ortschaften: ein Buch für Leser aller Stände des sächsischen Volkes. Neue Folge, Löbau, Verlag Joachim G. Walde: ca. 1860
Chromolithografie auf Papier
B 18,6 cm x H 12,6 cm
Inv.-Nr.: V1772K
Die Szene zeigt einen dicht gedrängten Kirchenraum, erfüllt von Unruhe und einem chaotischen Gerangel. Die Menschen tragen die typische Mode zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges: Männer tragen breitkrempige, oft mit Straußenfedern geschmückte Schlapphüte, ärmellose Schultermäntel, lange Wämser mit breiten Spitzenkragen. An den Beinen tragen sie Pluderhosen sowie Stulpenstiefel. Die Hüfte umschließt bei vielen ein schärpenartig gebundenes Tuch. Ihre Gesichter zieren Schnauz- und Spitzbärte. Die Frauen erscheinen in geschnürten, langen Kleidern mit stark in die Höhe gerafftem Überrock, bauschig weiten, spitzenbesetzten Ärmeln und Dekolletékragen; ihr Haar fällt in Korkenzieherlocken.
Im Vordergrund entfaltet sich ein vielschichtiges Geschehen: Rechts stehen zwei Männer vor einer Kirchenbank. Der linke von ihnen weist mit einer energischen Geste auf das tumultartige Geschehen hinter sich, während der andere mit verschränkten Armen und fest geschlossenen Händen aus dem Bild hinausblickt, als sei er innerlich distanziert. In der Mitte sackt eine Frau ohnmächtig zusammen und wird von einem Mann aufgefangen, der sie stützt oder festhält. Links am Boden ringt eine Gruppe von Männern miteinander: Zwei halten einen dritten fest, dessen Arme auf den Rücken gezwungen sind.
Im Mittelgrund steigert sich die Dynamik. Hinter einer Kirchenbank tobt ein wildes Getümmel aus Soldaten, einige mit Hellebarden bewaffnet, alle in blau-gelber Uniform. Sie stoßen und drängen in unterschiedliche Richtungen. Die Bewegungen überlagern sich, sodass der Blick des Betrachters zwischen einzelnen Handlungen hin- und hergerissen wird. Rechts stürzt ein Mann von einer Empore herab und verstärkt den Eindruck von Chaos und Kontrollverlust.
Der Hintergrund bringt einen starken Kontrast: Dort ist der Altarraum klarer geordnet. Zwei große Kerzenleuchter stehen auf dem Altar und rahmen einen Geistlichen, der mit erhobenen Händen im Gebet verharrt. Während im Vorder- und Mittelgrund Gewalt und Verwirrung dominieren, wirkt dieser hintere Bereich wie ein stiller, beinahe entrückter Gegenpol.
Diese Szene wirkt theatralisch. Sie soll die Wurzener Kreuz- und Marterwoche im April 1637 illustrieren. Zwischen dem 4. und 7. April 1637 ist das Amt Wurzen kriegerischer Schauplatz zwischen kaiserlich-habsburgischen Truppen sowie schwedischen Einheiten. Der Konflikt zwischen Habsburgern einerseits und Schweden und Franzosen andererseits begründet den letzten und blutigsten der insgesamt vier Kriege, die als „Dreißigjähriger Krieg“ zusammengefasst werden. Was als Konfessionskrieg 1618 begann, entwickelt sich zum machtpolitischen Krieg um die Vorherrschaft in Europa. Als Wurzen zwischen die Fronten gerät, wird die Stadt geplündert und brennt später fast gänzlich nieder. Es braucht gute zweihundert Jahre, bis die Stadt wieder die Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft besitzt, die sie vor dem Krieg hatte. Diese Lithografie entsteht allerdings erst mehr als 200 Jahre nach den Ereignissen um ca. 1860.
Die Lithografie, umgangssprachlich auch Steindrucktechnik genannt, entsteht um 1800 und entwickelt sich im 19. Jahrhundert zum ersten Druckverfahren, das die industrielle Fertigung von Farbdrucken zu günstigen Preisen ermöglicht. Somit ist es das erste Verfahren für die Produktion von farbigen Massenmedien. Das Motiv fertigt Adolph Göhde, dessen Name rechts unter dem Bild zu finden ist. Er eröffnet 1848 eine Steindruckerei in Löbau bei Zittau. Neben Landschafts- und Ortsansichten erschafft er auch solche historisierenden Darstellungen. Gedruckt werden sie oft vom Verleger und Buchhändler Joachim G. Walde (unbekannte Lebensdaten), der seine „Walde'sche Buchhandlung“ Mitte des 19. Jahrhunderts ebenfalls in Löbau betreibt. Publiziert wird sie im Werk Das goldne Buch vom Vaterlande oder Sachsen sonst und jetzt: nebst Entstehung und Schicksale seiner Städte und Ortschaften: ein Buch für Leser aller Stände des sächsischen Volkes. Neue Folge. „Neue Folge“ bezeichnet dabei den zweiten Band dieses Buchs, welches der gelernte Juwelier und spätere Schauspieler und Schriftsteller Franz Anton Lubojatzky (1807‒1887) um 1860 herausgibt. Der Fokus von Lubojatzkys schriftstellerischer Arbeit liegt eher im Bereich der Unterhaltungsliteratur. So schreibt er z. B. historische Romane wie Der Fischhändler von Neapel (1830), weshalb er in der Forschung zu seinen Lebzeiten wenig Beachtung findet.
Das goldne Buch vom Vaterlande ist zwar ein Sachbuch, die eher freie Interpretation historischer Sachverhalte findet sich dennoch in der Lithografie. Dieser Druck ist der Tradition der Historienmalerei zuzuschreiben, bei der der Schwerpunkt nicht auf dem historischen Wahrheitsgehalt liegt, sondern auf der künstlerischen Interpretation eines geschichtlichen Ereignisses und dem Erzählcharakter. Die Historienmalerei spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung der sehr subjektiven Geschichtserzählung des „deutschen“ Bürgertums Mitte des 19. Jahrhunderts. Es geht Göhde nicht darum, ein möglichst historisch korrektes Bild zu zeichnen, sondern darum, eine Botschaft zu vermitteln, die sich anhand von drei Bilddetails verdeutlichen lässt: den Uniformen der Soldaten, der ohnmächtig werdenden Frau im Zentrum und dem Pfarrer im Hintergrund.
Die Soldaten tragen blau-gelbe Uniformen, die schwedischen Nationalfarben. Tatsächlich sind es schwedische Truppen, die Anfang April 1637 in Wurzen eindringen, die Stadt besetzen, zunächst Schutzgeld erpressen und später dennoch die Stadt plündern und in Brand setzen. Einheitliche Uniformen wie sie hier gezeigt werden, gab es in dieser Zeit jedoch nicht. Die schwedischen Nationalfarben symbolisieren stattdessen, dass das Chaos des Krieges von ausländischen Mächten nach „Deutschland“ gebracht wurde, welches zu diesem Zeitpunkt aber noch aus einem losen Staatenverbund besteht.
Als Opfer des Krieges wird die Zivilbevölkerung inszeniert: beispielhaft steht dafür die Frau in der Bildmitte. Sie wird ohnmächtig und was mit ihr geschieht, liegt allein in der Hand des schwedischen Soldaten. Sie ist ihrem Schicksal ausgeliefert und auch die anderen Wurzener Männer, die keine Uniformen tragen, können nicht helfen, da sie z. B. wie der Mann links im Bild festgehalten werden. Einen historischen Beleg für eine solche Szene im Jahr 1637 gibt es nicht ‒ sie ist frei erfunden. Sie ist eher ein Sinnbild für das nicht zu bestreitende Leid der Wurzener Bevölkerung, wenn auch in einer relativ „harmlosen“ Form – ohne Blutvergießen.
Das Einzige, was Ordnung verspricht, ist der Geistliche im Hintergrund. Damit reiht sich die Bildaussage in die typische Deutung des Dreißigjährigen Krieges im 19. Jahrhundert ein. Diese erfolgt nach alttestamentarischen Mustern, indem der Krieg als notwendige Zeit der Reinigung und Läuterung inszeniert wird. Die erstarkende bürgerliche Nationalbewegung sieht den Krieg als Ausdruck davon, dass die als lähmend empfundene deutsche Kleinstaaterei des Mittelalters und der frühen Neuzeit überholt ist. Als Ausweg aus dieser Ohnmacht im Angesicht von ausländischen Mächte, die sich z. B. im Rahmen der Industrialisierung technisch, ökonomisch und militärisch immer weiterentwickeln, gilt die Vision eines geeinten deutschen Nationalstaats. Obwohl der deutsche Nationalstaat erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 Wirklichkeit wird, findet das Streben danach bereits zuvor Ausdruck ‒ am deutlichsten auf dem Hambacher Fest und der Revolution 1848/49, aber auch in zahlreichen Schriften und Lithografien wie dieser.
In unserem Objekt des Monats findet dabei ein weiteres Merkmal der Historienmalerei Ausdruck: Es werden einzelne Beispiele, wie die Brandschatzung Wurzens, als allgemeingültig interpretiert und in eine deutsche Meistererzählung eingebunden. Nach der damaligen, bürgerlichen Geschichtsinterpretation beginnt die Geschichte „der Deutschen“ mit Arminius dem Cherusker, reicht über das mittelalterliche Kaisertum und die Reformation Luthers bis zum Dreißigjährigen Krieg als Tiefpunkt der alten Verhältnisse bis zur Gegenwart und der Hoffnung auf ein wiedererstarktes, vereintes Deutschland.
Dieses Versprechen findet in der erstarkenden bürgerlichen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts zunehmend Anklang, wovon heute zahlreiche Publikationen zeugen.
Quellen
Lubojatzky, Franz Anton, Das goldne Buch vom Vaterlande oder Sachsen sonst und jetzt: nebst Entstehung und Schicksale seiner Städte und Ortschaften. Ein Buch für Leser aller Stände des sächsischen Volkes, Neue Folge, Löbau: J. G. Walde, ca. 1860.
Pierer's Universal-Lexikon, Band 10. Altenburg 1860. Zitat nach Zeno ‒ Meine Bibliothek, http://www.zeno.org/nid/2001036708X, zuletzt abgerufen am 15.04.2026.
Literatur
Georg Schmidt, Deutungen des Dreißigjährigen Krieges. Mythos, Legenden und Einsichten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (BpB), https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/272822/deutungen-des-dreissigjaehrigen-krieges/, 2018, zuletzt abgerufen: 10.04.2026.
Kunsthalle Karlsruhe, Glossar. Historienmalerei, https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/glossar/historienmalerei/, zuletzt abgerufen: 10.04.2026.
Lubojatzky, Franz Anton, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd115341056.html [15.04.2026].
Personenregister Museum-Digital, Adolph Göhde. https://sachsen.museum-digital.de/people/22293, Stand 05.01.2025, zuletzt abgerufen: 10.04.2026.
Universität München, Projekt Kunstgeschichte, https://www.projekte.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/dt_frz_malerei/41-dt-franz-malerei/studieneinheiten/1848_1860_d/e2.htm, zuletzt abgerufen: 10.04.2026.
Wolfgang Ebert, Die "Wurtznische Creutz - und Marter -Woche" (1637), o.J.